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Film

Rhythm is it!

In einer Turnhalle warnt Royston Maldoom seine neuen Schüler und erklärt, er werde streng sein mit ihnen. Keiner von ihnen hat bislang irgendeine Erfahrung mit klassischem Tanz gemacht. Der Choreograph weiß, dass ihm eine schwere, wenngleich durchaus vertraute Aufgabe bevorsteht. Seine Strenge heißt, dass er sich und den Kids die Arbeit nicht einfach machen wird: Das bedeutet auch, dass er sie ernst nimmt und ihnen jedwede Zuwendung zuteilwerden lässt.

In der Philharmonie erzählt Sir Simon Rattle den Musikern seines Orchesters von der Gründung einer Tanzgruppe mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 20 Jahren unterschiedlichster sozialer wie geographischer Herkunft. Es geht um junge Menschen, fügt der Dirigent hinzu, die sich wohl sonst eher bekämpfen. Und er erläutert seine Vorstellung von Musik: “„Sie ist auch das, was sie für die Menschen bedeutet und was sie für diese tun kann. Musik kann den Menschen zeigen, was sie miteinander verbindet.“

Die beiden Dokumentaristen Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch rücken drei Jugendliche - stellvertretend für die vielen anderen an dem Projekt beteiligten Kids - in den Vordergrund und befragen sie während der fünf Wochen dauernden Proben immer wieder. Die Veränderungen, die in Marie, Martin und dem aus Nigeria stammenden Waisen Olayinka vorgehen, sind nicht zu übersehen. Royston Maldoom, der sich keineswegs als Sozialarbeiter, sondern als engagierter Künstler versteht, wird dabei wunderbar bestätigt:“„Ihr könnt euer Leben ändern – durch das Tanzen“”, hatte er ihnen in der zweiten Probenwoche erklärt. Er verfügt über einen unglaublichen Blick und eine enorme Sensibilität im Umgang mit seinen Schülern, als könne er deren Probleme und Konflikte mühelos an ihren Körpern ablesen. Seine Kunst erweist sich als Möglichkeit der Therapie - ohne dass die Kunst dabei irgendeine Art von Selbstverleugnung betreiben müsste. “ „Man sieht, wie in die ungelenken Körper Selbstbewusstsein einzieht, wie Trägheit schwindet, wie frustrierte Gesichter zu leuchten beginnen, wie Anstrengung manche begeistert und über sich selbst hinausträgt, und man beginnt zu ahnen, warum Freiheit und Bildung einst als Geschwister galten. Hier konnten Kinder entwickeln lassen, was in ihnen steckt. Man möchte wetten, dass sie in künftigen Tests von dieser Erfahrung profitieren können.“” (JJens Bisky, Süddeutsche Zeitung)

Lange zeigen die beiden Dokumentaristen die Proben der Tänzer und die Proben der Philharmoniker getrennt, als parallel montierte Sequenzen. Dabei entwickelt ihre Arbeit einen eigenen visuellen Rhythmus, den es so ausgeprägt im Dokumentarfilm selten gibt. Später mischt sich dann zunehmend die Musik des Orchesters in die Proben der Schüler. Wenn diese schließlich in der fünften Woche erstmals eine Orchesterprobe besuchen, an deren Beginn ihnen Sir Simon Rattle eine wunderbare Einführung in Strawinskys Komposition gibt, sorgt diese Begegnung für einen bewegenden, geradezu utopisch schönen Moment - auch durch die emotionale Wärme, die in krassem Gegensatz steht zu den unwirtlichen, kalten Einstellungen von Berlin, die als trennende Bilder zwischen die Sequenzen montiert wurden.

Ganz am Anfang und ganz am Ende hört man Hiphop: Musik, die dem Lebensgefühl der Kinder und Jugendlichen sicher näher steht als das Werk Strawinskys. Und doch hat sie die Erfahrung mit „Le Sacre du Printemps“ verändert. Das könnte sich auch auf den Betrachter von „Rhythm is it!“ übertragen, als neue Zuversicht - gegenüber diesen Kids und der Kunst und der Welt.

Hans Günther Pflaum

 

  • Titel: Rhythm is it!
  • Regie: Thomas Grube, Enrique Sánchez Lansch
  • Dauer: 100 Minuten
  • Erscheinungsjahr: 2004
  • Sprache: Deutsch mit englischen Untertiteln
  • Datum: Donnerstag, 21. April 2016, 19:00 Uhr
  • Ort: Akademia e Filmit dhe e Multimediës Marubi, rruga “Aleksandër Moisiu”, nr. 78, 1005 Tiranë
  • Eintritt: frei
  • Trailer: YouTube trailer